Menschen sind verschieden. So wie auch ihre Ansichten und Haltungen. Manchmal ändern sich diese mit wechselnden Umständen, neuen Erfahrungen oder zunehmenden Alter. Alles befindet sich im konstanten Wandel. Nicht nur Gesellschaft und Wirtschaft, sondern auch Themen wie Religion, Umwelt, Glaubens-Vorstellungen etc. Wir alle nehmen es wahr und können nicht abstreiten, dass Dinge die vor einigen Jahren noch als abstrakt oder anstößig wahrgenommen wurden, heute alltäglich sind.
Ausschließlich online von zu Hause seinen Lebensunterhalt verdienen? Heutzutage nichts Außergewöhnliches mehr. Während der Arbeit das Handy zücken und minutenlang scrollen ohne erkennbaren Grund? Vor 15 Jahren ein Kündigungsgrund, heute fast schon Aushängeschild für einen stressigen Lifestyle. Spätestens seit dem KI-Hype der letzten Jahre um Anwendungen wie Chat-GPT oder Video- und Bildgeneratoren, bemerken zunehmend mehr Menschen, dass privates und berufliches Umfeld sich rasant verändern. Es scheint immer schwieriger zu werden, zwischen Täuschung und Original zu unterscheiden, da man sich nie komplett im Klaren sein kann, wozu die Technologie mittlerweile imstande ist.
Das die großen Unternehmen durch Forschung, Verbesserung und Implementierung dieser Technologien immens profitieren, ist durch den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahrzehnte nicht abzustreiten. Unser aller Leben ist nun smarter, effizienter, messbarer. Alte Werte und Normen scheinen gleichzeitig Stück für Stück zu verschwinden. Das zeigt beispielsweise ein zunehmender Anteil der atheistischen Bevölkerung, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa, was unter anderem mit dem Anstieg des allgemeinen Lebensstandards einhergeht. Eine Reihe von Skandale, die mit der katholischen Kirche in Verbindung gebracht wurden, halfen dabei in den vergangenen Jahren nicht unbedingt weiter.

Unterhält man sich mit Leuten aus dem Freundes- und Bekanntenkreis, ist das Thema Religion eher selten relevant. Gelegentlich werden Halskette mit Kreuz als modisches Accessoire getragen. Dabei ist aber nicht immer eindeutig auszumachen, ob es auf eine religiöse Person hindeutet. Konträr dazu, bekommt man regelmäßig den Eindruck, dass auf eine gewisse Weise jeder an etwas Bestimmtes glaubt. Etwas, das automatisch mit einer bestimmten Person in Verbindung gebracht wird. Sei es ein Sportverein, eine politische Partei, Themen wie Spiritualität oder wissenschaftliche Lehren. Es wirkt, als würde der Glaube an eben diese Dinge, den Menschen Halt, Struktur und Ordnung verleihen. Ähnlich eben wie eine Religion. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass jeder auf seine eigene Weise gläubig ist aber eben nicht religiös.
Vor einigen Jahren stieß ich auf ein Video, in dem ein bekannter Kabarettist das Thema Religion folgendermaßen zusammenfasst: „Religion muss man nicht verstehen oder hinterfragen, sondern einfach nur glauben“. Wie viel Wahrheitsgehalt hinter dieser Aussage steckt, muss am Ende jeder selbst entscheiden, allerdings ist nicht von der Hand zu weisen, dass bestimmte Erzählungen und Überlieferungen aus der Bibel, aufgrund des technisches Fortschritts, mittlerweile wissenschaftlich widerlegt wurden. Darum soll es aber in diesem Artikel nicht gehen, sondern viel mehr um die Frage, ob die Dinge an die wir glauben, wirklich so unantastbar und in sich schlüssig sind, wie wir denken. Besser gesagt, wo verschwimmt die Linie, zwischen objektiven Fakten und emotionaler Zugehörigkeit.
Die meisten sind mit Sicherheit schon mehrmals auf jemanden gestoßen, der sich anhand von Fakten nicht von seiner Meinung abbringen lassen möchte. Und noch weniger zugeben möchte, dass er im Unrecht ist. Sicherlich spielt hier das menschliche Ego eine übergeordnete Rolle. Die wenigsten von uns geben gerne offen zu, dass sie falsch liegen. Das ist absolut menschlich. Geht es jedoch um Grundsatzfragen oder gar Weltanschauungen, ist die Toleranzgrenze gegenüber alternativen Ansichten noch geringer. Argumentationen scheinen nicht mit Logik in Verbindung gebracht zu werden und es kann schnell emotional werden. Man greift das Weltbild seines Gegenübers an. Ähnlich wie eben bei einer Religion. Die Trennung zwischen Religion und Glaube scheint gelegentlich zu verschwimmen, was im Übrigen keine Frage von Bildungsgrad oder Intelligenz ist. Vermeintlich erfolgreiche und überdurchschnittliche intelligente Menschen lassen sich durch Propaganda, Gruppenzwang oder inneren Konflikt zu völlig irrationalen und nicht nachvollziehbaren Grundhaltungen verleiten.
Wer es in einer ruhigeren Minute wagt, ein wenig in sich zu gehen und zu reflektieren, muss sich wohl eingestehen, dass keine Religion, kein System und keine Lehre unantastbar oder gar frei von Makeln und Ungereimtheiten ist. Wir nutzen unser Weltbild als Filter um die Realität, die uns widerfährt besser zu verstehen und zu ordnen. Dabei ist jeden von Vorurteilen, Erfahrungen und Abneigungen geprägt, welche da Bild schnell verzerren können. Die vermeintliche Dauerbeschallung von Medien unterschiedlicher Art machte da Unterfangen nicht unbedingt simpler. Manche nennen es Propaganda, manche Meinungsmache, wieder andere wollen einfach nur mitreden können. Am Ende des Tages entscheidet jeder selbst, welche Art von Propaganda er wählt, die sein Bewusstsein bestimmt. Sicher ist jedoch das glauben nicht wissen ist und nicht jeder der glaubt automatisch religiös ist.
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